Richtig dosiert: Newcomerin Dr. Anne Katharina Moos, Köln, erzielte beim 1. „Geistesblitze“-Science Slam 2016 mit ihrem Vortrag „Hirnverbrannt – blitzgescheit mit Strom“ den zweiten Platz. (c) DGN/ Rosenthal

Dr. Anne Katharina Moos, Teilnehmerin des 1. „Geistesblitze“-Science Slams 2016 in Mannheim, möchte Kolleginnen und Kollegen dazu ermutigen, sich als Slammer zu beweisen – und gibt hilfreiche Tipps.

Dr. Anne Katharina Moos ist eloquent und lacht gern, aber als Stand-up-Comedian würde sie sich nie bezeichnen. Die Kölner Assistenzärztin zögerte deshalb, als die Ausschreibung zum 1. „Geistesblitze“-Science Slam auf dem DGN-Kongress 2016 in Mannheim in ihre Mailbox flatterte: „Das Format hat mich gereizt, aber ich dachte, das sei nur etwas für Unterhaltungskünstler.“ Und dann? Warf sie alle Bedenken über Bord und bewarb sich. Die einmalige Chance, auf unterhaltsame Art einem Publikum aus Laien und Ärzten ihr Promotionsthema, die Arbeit ihrer Klinik und das Fach Neurologie nahe zu bringen, wollte sie wahrnehmen. Einen von der DGN gesponserten Workshop und ein Stage-Training später präsentierte Dr. Moos ihren Slam „Hirnverbrannt – blitzgescheit mit Strom“ am 23. September 2016 in Mannheim auf der großen Bühne. 700 Kongressbesucher und Bürger Mannheims lauschten begeistert und katapultierten die Newcomerin auf den zweiten Platz. „Eine großartige Erfahrung!“, schwärmt sie rückblickend. Unentschiedenen Kollegen rät Katharina Moos: „Traut Euch, mitzumachen – es lohnt sich!“

Frau Dr. Moos, sehen Sie sich mit Ihrem Auftritt beim „Geistesblitze“-Science Slam als Botschafterin der Neurologie?

Das klingt so hochtrabend! Aber ja: Die Möglichkeit, einem Laienpublikum das Fach Neurologie und die Hirnforschung nahe zu bringen, hat mich bewogen, am Science Slam teilzunehmen. Ich wollte zeigen, was wir machen und welchen Sinn das Ganze hat.

Hatten Sie bereits Bühnenerfahrung, als Sie sich bewarben?

Ich hatte weder Bühnenerfahrung noch Erfahrung mit Slams. Natürlich hatte ich schon wissenschaftliche Vorträge auf Kongressen und an der Universität gehalten. Aber einem Laienpublikum ein komplexes medizinisches Thema leicht verdaulich zu vermitteln  das war neu für mich.

Was hat Sie am „Geistesblitze“ Science Slam gereizt?

Ich hatte kurz zuvor ein YouTube-Video gesehen, in dem ein Physiker zum Thema „Entropie“ slammte. Wie anschaulich und spannend man ein so komplexes Thema erklären kann! Für mich bestand deshalb die Herausforderung darin, mein Promotionsthema für Mediziner und Laien herunterzubrechen. Ich wollte einen wissenschaftlich korrekten und lehrreichen, aber auch spannenden und unterhaltsamen Vortrag über die Modulation visueller Aufmerksamkeit mittels Gleichstromstimulation abliefern. Ein Spagat!

Wie haben Sie den Widerspruch zwischen Wissenschaft und Unterhaltung aufgelöst?

Ich habe der Wissenschaft den Vorrang gegeben und Pointen als Transportmittel meiner Botschaft genutzt. In meiner Promotion spielen Strom und Blitze eine zentrale Rolle – da boten sich einige nette Wortspiele an. Mein Freund, der kein Neurologe ist, fand den Vortrag trotzdem zu dröge und meinte, ich müsse zusätzliche Witze einbauen. Aber ich bin kein Comedian und wollte mich nicht verbiegen.

Sie haben sich dann tatsächlich für den „Geistesblitze“-Science Slam beworben.

Meine Bewerbung bestand aus einem lockeren Anschreiben. Darin habe ich versucht, möglichst catchy darzulegen, warum ausgerechnet ich teilnehmen sollte. Erzählt habe ich übrigens niemandem davon – falls ich nicht genommen würde.

Offensichtlich haben Sie den richtigen Ton getroffen: Die DGN und der Science Slam-Veranstalter LUUPS luden Sie zum Workshop im Juni 2016 nach Berlin ein. Verraten Sie uns einige Tricks, mit denen Slammer beim Publikum punkten?

Die Überraschung war, dass niemand inhaltlich an meinem Text herumfeilte. Das blieb mir als Expertin überlassen. Wichtiger waren Fragen der Vortragstechnik: Wie spreche ich auf der Bühne? Was kommt beim Publikum gut an? Muss ich langsamer vortragen, mich aufrichten, mehr Pausen einbauen? Das Feedback der Sprech-Profis Melanie Goebel und Sven-Daniel Gettys war enorm hilfreich. Als ich zum Beispiel zur Methode der Gleichstromstimulation slammte, verfiel ich plötzlich ins Fachchinesische. Der Grund? Ich hatte diesen Part schon oft vor Neurologen referiert und war in wissenschaftliches Fahrwasser geraten. Ganz großer Fehler! Wissenschaftliches Vokabular in einem Sience Slam vergrätzt das Publikum. Wichtig war auch die Erkenntnis, dass sich ein Slam auf wenige Hauptbotschaften beschränken sollte. Diese Botschaften vermittelt der Slammer durch Wortwahl, Ausstrahlung und Gestik – nicht aber durch Informationsdichte. Das lässt sich üben: indem man versucht, Schlagzeilen zu finden, die den Vortrag auf den Punkt bringen.

Sie haben Ihren Slam dann aufgrund der Workshop-Erfahrungen komplett umgestaltet.

Meine erste Präsentation spielte einleitend mit Klischees und Vorurteilen gegenüber Neurologen. Das kam bei den Workshop-Teilnehmern gut an, wirkte aber ein bisschen krampfhaft und passte nicht recht zum Thema Strom. Also strich ich die Klischees und kürzte den Vortrag. Dann kam mir der Gedanke, auf die PowerPoint-Präsentation zu verzichten. Der typische Wissenschaftler hangelt sich bei Vorträgen ja gerne an Folien entlang. Ich entschied mich, stattdessen mit einer Skizze auf einer Flipchart zu arbeiten und mir im Kopf Headlines zurechtzulegen, an denen ich mich orientieren wollte. Durch die Flipchart unterschied ich mich deutlich von meinen Mitstreitern! Während des Science Slams war meine größte Sorge allerdings, dass ich mangels Folie plötzlich nichts mehr zu sagen habe. Ein Spickzettel, am Rand der Bühne deponiert, nahm mir die Angst.

Inwiefern half das Stage-Training unmittelbar vor dem Slam gegen die Nervosität?

Wir mussten uns mit verrückten Übungen wie „Gemüse-Thai Chi“ auf den Slam einstimmen: die Arme nach vorne strecken, komische Geräusche von uns geben, kauen und murmeln. Dass man sich in der vertrauten Gruppe schon einmal zum Affen gemacht hatte, half nachher ungemein! Außerdem durften wir vorab unseren Slam auf der Bühne vortragen, das Mikro testen und prüfen, ob wir korrekt ausgeleuchtet waren. Nach diesem Warm-up hielt sich meine Nervosität in Grenzen. Sogar dann noch, als ich erfuhr, dass ich als Erste auf der Bühne stehen würde.

Ging das Publikum gnädig mit Ihnen um?

Das Publikum war großartig! Wir Slammer hatten vorher Zweifel, ob der Saal voll wird. Aber dann drängten so viele Menschen hinein, dass ein zweiter Raum geöffnet und der Slam per Bildschirm übertragen werden musste. Während meines Vortrages – ich zeichnete gerade an der Flipchart – starteten die Zuschauer plötzlich eine Welle. Wow, solche Ausbrüche der Begeisterung kannte ich nicht! Besonders schön war für mich, dass mein Chef auch gekommen war und mir nach dem Science Slam sagte, wie gut er den Vortrag fand und wie mutig. Am Tag danach sprachen mich Leute in der Mannheimer City auf den Slam an und meine Kollegen in Köln fanden es cool, dass ich mich getraut hatte, vor mehr als 700 Menschen über mein Promotionsthema zu slammen.

Hat Sie die Teilnahme am „Geistesblitze“-Science Slam persönlich und fachlich weitergebracht?

Ich profitiere davon bis heute, achte zum Beispiel mehr als früher darauf, Patienten Fachbegriffe und Vorgehensweise verständlich zu erklären. Wir slammenden Wissenschaftler haben unseren Elfenbeinturm verlassen und unsere Themen einmal aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet. Weitergebracht hat mich auch die Herausforderung, ohne PowerPoint vortragen zu müssen. Mir fällt es jetzt wesentlich leichter, relativ frei vor einem großen Publikum zu sprechen.

Würden Sie wieder am „Geistesblitze“-Science Slam teilnehmen?

Hätte ich nicht schon mitgemacht, würde ich mich bewerben! Aber jetzt müssen neue Leute ran, die andere Aspekte der Neurologie präsentieren. Ich ermutige alle, die denken, ihr Forschungsthema sei nicht interessant und ihre Person nicht witzig genug: Wichtig ist einfach nur, dass Ihr Euch traut, teilzunehmen. Der Aufwand lohnt sich: für Euch, Eure Forschung, die Klinik und für die gesamte Neurologie!

Interview: Monika Holthoff-Stenger

 

„Geistesblitze“, der Science Slam über das Gehirn, geht beim DGN-Kongress 2017 in die zweite Runde. Am Freitag, 22. September 2017 um 20:30 Uhr, präsentieren professionell geschulte Slammer in der Kongresshalle am Zoo Leipzig ihre neurologischen Themen. Die Bewerbungsfrist für alle, die Lust haben, Spannendes aus dem Neurologen-Alltag oder ihre hochkomplexen Forschungsarbeiten unterhaltsam vorzutragen, läuft bis zum 15. Mai 2017. Bewerbungen bitte mit kurzem Lebenslauf und knapper Beschreibung des Themas – gerne auch als Video – per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Weitere Informationen: www.dgnkongress.org/science-slam

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