/*

Richter D., Berger K. (2013) Psychiat Prax 40: 176-182

Darstellung von M. Jaedtke, Redakteurin der Med-Wiss


Hintergrund: In einer Übersichtsarbeit von 2008 konnten keine eindeutigen Hinweise bezüglich einer Zunahme von psychiatrischen Erkrankungen durch Richter, Berger, Recker gefunden werden. Lediglich für die Dekade nach dem 2. Weltkrieg konnte eine Zunahme verzeichnet werden. Da die Indikatoren für eine Zunahme von psychischen Störungen wie z.B. Arbeitsunfähigkeit durch psychische Störungen jedoch zwischen 2000-2011 um über 50 Prozent angestiegen sind,  ist eine Zunahme dieser Erkrankungen zu vermuten. Eine Aktualisierung der Übersichtsarbeit von 2008 ist vor dem Hintergrund veränderter politischer Strukturen, einer großen Anzahl an neuen und vermutlich relevanten Studien und der europäischen Wirtschaftskrise durch die Autorengruppe intendiert und epidemiologisch von Interesse.

Fragestellung: Konnten wissenschaftliche Analysen für den Zeitraum von 2008 bis 2012 eine Zunahme von psychiatrischen Erkrankungen aufzeigen?

Methode: In unterschiedlichen Datenbanken (Pubmed, Google Scholar, Psychinfo) erfolgte eine Literaturrecherche mit spezifischen Suchtermini. Eingeschlossen wurden Studien nach 2007 mit Peer-Review-Verfahren in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Niederländisch mit folgenden Eigenschaften: wiederholte Querschnittsstudien, identische Messinstrumente und Erhebungsregion USA, Europa, Ozeanien. Ausgeschlossen wurden Studien, die sich mit psychosomatischen Beschwerden, Opiatabhängigkeit in Form von verschreibungspflichtigen Opioiden, Versorgungsstrukturen und dementiellen Erkrankungen befassten.

Ergebnisse: 33 Studien wurden inkludiert, welche vornehmlich in Europa publiziert wurden und sich meist auf allgemein psychiatrische Probleme, depressive Störungen und den Verlauf von Suchterkrankungen bezogen. Es wurden keine gegenüber den Review von 2008 neuen Studien zu Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis gefunden. Insgesamt zeigte sich keine Zunahme von psychischen Erkrankungen. In Bezug auf die einzelnen psychischen Erkrankungsfelder zeigte sich ein heterogenes Bild. Im Einzelnen:

Allgemein psychiatrische Erkrankungen:
Von neun Studien konnten fünf Studien keine Veränderung der Prävalenz psychischer Erkrankungen beobachten, eine Studie wies eine erhöhte und eine Studie eine erniedrigte Prävalenzrate auf, zwei zeigten unklare Trends.

Depressionen:
Von den acht gefundenen Analysen wiesen vier keine Veränderung der Prävalenz auf, drei konnten einen Anstieg der Depressionsrate zeigen und eine Studie eine Abnahme. 

Suchterkrankungen:
Von den drei identifizierten Studien zeigten zwei keinerlei Veränderungen und eine Studie konnte eine Abnahme der Alkoholabhängigkeit vorweisen.

Fazit: Die Autoren konstatieren, dass es zwar zu einer Zunahme von psychiatrischem Inanspruchnahmeverhalten in den letzten Jahren gekommen sei, sich jedoch darauf nicht eine gesteigerte Prävalenz von psychiatrischen Erkrankungen ableiten lasse. Die Menschen seien besser über seelische Erkrankungen informiert und seien deswegen eher bereit, das Hilfesystem in Anspruch zu nehmen. Dies führe zu dem Eindruck, dass es auch zu einer Prävalenz-Zunahme gekommen sei. Eine mögliche Abnahme von Stigmatisierung bestimmter psychischer Erkrankungen kann möglicherweise konstatiert werden.

Limitationen: Als problematisch werten die Autoren, dass die einzelnen Studien eine sehr heterogene Datenlage mit sich bringen aufgrund einer Vielzahl von Indikatoren und Einflussparametern. Viele Studien wurden zwar nach 2007 publiziert, bezogen sich jedoch nicht auf den tatsächlichen Untersuchungszeitraum, sodass die Daten ggf. als teilweise veraltet zu betrachten sind. Die Vergleichbarkeit zwischen den Studien kann aufgrund mannigfacher Einschlusskriterien, unterschiedlicher sozialer Umstände nicht sicher gewährleistet werden. Als kritisch zu werten, ist die fehlende Bewertung der Qualität der eingeschlossenen Studien, was jedoch prospektiv Anlass für weitere Untersuchungen darstellen könnte.

Kommentar: Eine beruhigende Erkenntnis, dass die Prävalenzdaten gemäß dieses Reviews nicht, wie häufig angenommen, massiv angestiegen sind, sondern eher von einer Wirksamkeit der Informationskampagnen hinsichtlich seelische Erkrankungen auszugehen ist.


Weiterführende Links:

DGN logo 2018 vert 400

 

*/
Wir nutzen Cookies, um die Zugriffe auf unserer Webseite zu analysieren. Sie können dem jederzeit widersprechen. Weitere Hinweise und die Möglichkeit zum Opt-out finden Sie in der Datenschutzerklärung.